Gastwirtschaft Harzem

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Die Gastwirtschaft Harzem ca. 1930–1940.

Die Gastwirtschaft Harzem war von der Mitte des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der Mittelpunkt des Dorflebens in Birresdorf. Über den Zeitraum von 125 Jahren wurden in der Gaststätte selbst oder dem zugehörigen Saal verschiedenste Veranstaltungen durchgeführt.

Kauf 1867

Am 29.06.1867 erwarb der gebürtige Birresdorfer Stefan Harzem (*1848) in seinem Heimatort ein Anwesen, das eine Gaststätte und ein Saalgebäude umfasste. Sein Vater Johann Peter Harzem (*1806), ein Gutsbesitzer, hatte seinen gesamten Besitz verkauft, weil er nach Amerika auswandern wollte, jedoch machte seine Frau kurz vor der geplanten Emigration einen Rückzieher, so dass das Vorhaben scheiterte. Johann Peter Harzem starb mit nur 49 Jahren und hinterließ seinem Sohn das Geld, mit dem dieser mit 19 Jahren das Anwesen zwischen Tal- und Saalstraße erwarb.[1]

Alter und neuer Saal

Ausschnitt einer 1915 gesendeten Postkarte: Links der zwischen 1903 und 1908 neu errichtete Saal, rechts das Ende der 1920er Jahre abgerissene Saalgebäude.

Die Jahre bis vor dem 1. Weltkrieg waren von Wohlstand geprägt, so dass Stefan Harzem (*1848) etwa zwischen 1903[2] und 1908[3] einen neuen Saal errichten ließ. Das alte Saalgebäude wurde danach als Schuppen genutzt und Ende der 1920er Jahre abgerissen.[1]

Drei Generationen Stefan Harzem

Stefan Harzem (*1848) führte die Gastwirtschaft mit Saal bis sie 1910 von seinem Sohn, der ebenfalls den Namen Stefan Harzem (*1880) trug, übernommen wurde. Auch dieser hatte wiederum einen Sohn mit dem Namen Stefan Harzem (*1919), der nach seiner Hochzeit 1948 den elterlichen Betrieb weiterführte.[1]

Brot und Briefe

In der Gastwirtschaft war zeitweise auch die Post untergebracht. Sendungen wurden aus der Kreisstadt nach Birresdorf transportiert und beispielsweise von Veronika Engels (geb. Harzem; *1914) im Dorf verteilt.

Daneben betrieb die Familie Harzem auf dem Anwesen eine Bäckerei. Albert Harzem (*1923) absolvierte in Remagen eine Lehre zum Bäcker.

Elektrizität und Fernsehen

Die Gastwirtschaft Harzem und der angrenzende Saal waren 1912 die ersten Gebäude in Birresdorf, in denen elektrisches Licht installiert wurde.[1]

Stefan Harzem (*1919) stand nach der Übernahme der Gastwirtschaft vor einer schweren Entscheidung. Er hatte etwas Geld gespart, das für eine Kuh oder ein Fernsehgerät reichte. Er entschied sich für letzteres und wurde zum ersten Fernsehbesitzer in Birresdorf. Auf dem Gerät konnte beispielsweise die Weltmeisterschaft 1954 in der Gaststätte Harzem verfolgt werden.

Veranstaltungen

Sowohl die Gaststätte selbst als auch der Saal wurden für eine Vielzahl von Veranstaltungen genutzt. Exemplarisch sind einige im Folgenden aufgezählt:

  • Kirmes
  • Vereinsveranstaltungen
  • Hochzeiten und Hochzeitsjubiläen (Goldene Hochzeiten)
  • Sängerfeste
  • Theateraufführungen
    • Bühne existierte schon vor dem 1. Weltkrieg
    • Anfang 1920er Jahre: Wilhelm-Tell-Aufführung
    • „Heldin von Transvaal“
    • Nach 1945: „Schöne Müllerin“, „Der schwarze Graf“; Lustspiel „Heini, dreh noch mal“ mit Josef Schneider (genannt „Juubes“) in der Hauptrolle
  • Politische Veranstaltungen
  • Einquartierung deutscher Soldaten
  • Einquartierung amerikanischer Soldaten nach dem 1. Weltkrieg
  • Gerichtsverhandlungen
  • Öffentliche Landverkäufe
  • Wahlen
  • Karneval
  • Disco

Schließung 1991

Da er keinen Nachfolger in seiner Nachkommenschaft fand, schloss Stefan Harzem seine Gaststätte am 21.02.1991. Die Birresdorfer nahmen schwarz gekleidet in einem Trauerzug Abschied. Der Saal wurde noch letztmalig für den Karneval 1991 genutzt, ehe auch dieser für die Öffentlichkeit geschlossen wurde.

Zeitliche Übersicht

  • 29.06.1867: Stefan Harzem (*1848) erwirbt in Birresdorf eine Gastwirtschaft mit einem Saalgebäude.
  • ca. 1903-1908: Bau eines neuen Saals durch Stefan Harzem (*1848). Der alte Saal wird als Schuppen weiter genutzt.
  • 1910: Stefan Harzem (*1880) übernimmt Gastwirtschaft und Saal von seinem Vater.
  • 1912: Das erste elektrische Licht in Birresdorf wird im Saal und der Gaststätte Harzem installiert.
  • Ende 1920er Jahre: Das alte Saalgebäude wird abgerissen.
  • 1948: Stefan Harzem (*1919) übernimmt Gastwirtschaft und Saal von seinem Vater.
  • 29.06.1967: Feier 100 Jahre Gastwirtschaft Harzem.
  • 21.02.1991: Gaststätte geschlossen.
    • Das Gebäude wird als Wohnhaus weiter genutzt. Aktuell wohnt ein Enkel von Stefan Harzem (*1919) darin.
  • Nach Karneval 1991: Schließung des Saals für die Öffentlichkeit.
    • Der Saal wird vermietet und privat weiter genutzt.
    • Das (deutlich kleinere) Feuerwehrhaus wird zum neuen Anlaufpunkt für Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft.

Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Festrede von Josef Harzem zur Feier „100 Jahre Gastwirtschaft Harzem“ am 29.06.1967
  2. Auf den 19.01.1903 datierter Bauplan: „Plan zum Neubau eines Tanzsaales mit Kegelbahn des Herrn Steph. Harzem in Birresdorf“ (Dokument im Besitz von Irmgard Schumacher)
  3. Auf den 19.11.1908 datierte Erlaubnis, die vorliegende „Gastwirtschaftserlaubnis“ auf den „angebauten Saal“ zu erweitern (Dokument im Besitz von Irmgard Schumacher)